Selber spielen oder spielen lassen?

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Kennt Ihr das noch? Ihr habt früher in einem Videospiel-Magazin einen Testbericht über ein Spiel gelesen, Euch die Wertungen angeschaut, versucht, in den paar mickrigen Screenshots etwas zu erkennen und  dann probiert Euch aus all diesen Infos zusammen zu reimen, wie das Spiel nun wirklich aussehen, wie flüssig es laufen könnte und wie es klingen könnte. Bei Toptiteln im Wertungsbereich 80% und aufwärts war das in der Regel kein Thema, da wusste man dass einfach alles super ist und das man das Spiel haben musste. Was aber mit den Bereichen darunter? Wie genau sehen die „etwas hölzernen Animationen“ aus? Ist die „dudelige Musik“ noch erträglich? Wie spielt sich ein Spiel mit „etwas schwammiger Steuerung“? Wie stark flackern die Sprites wirklich, wenn es etwas turbulenter auf dem Bildschirm zugeht?

Wer von uns stand nicht schon mal im Laden, hielt ein an sich interessantes Spiel in der Hand aber fragte sich, ob er/sie das mühsam angesparte Taschengeld jetzt wirklich für ein Spiel, das nur 69% im Magazin schaffte,  ausgeben, lieber zu etwas anderem greifen oder gar noch ein paar Wochen weiter sparen sollte?

Diese „Problematik“ stellt sich heute eigentlich nicht mehr: YouTube und Konsorten sind voll von Videos, die Videospiele in Aktion zeigen. Sofort hat man einen Überblick über die Qualität von Grafik, Ton und Animationen, evtl. kommentiert ein Spieler mal mehr, mal weniger amüsant das ganze parallel und klärt über die restlichen noch unklaren Parameter auf. Alles jederzeit und überall verfügbar, kostenfrei und in HD. Willkommen, Let’s Plays! Adieu, Fehlkäufe!

Ich nutze dieses Medium seit einigen Monaten selbst um Interessierte mit in meine Videospielvergangenheit zu nehmen, was mir auch bereits den einen oder anderen netten Kontakt zu Gleichgesinnten ermöglichte. Für meinen Zweck sind diese Videos also die beste Möglichkeit, Spiele zu präsentieren, weil ich nicht jedem interessierten selbst den Controller in die Hand drücken kann. Andere, wie Gronkh, PewDiePie und Konsorten verdienen sogar Ihren Lebensunterhalt damit, Spiele direkt ab Release oder teilweise sogar davor bereits auf YouTube zu präsentieren. In der Regel mit Erlaubnis oder gar auf Anfrage der Publisher, manchmal aber auch in Eigeninitiative. Aber ist diese Art der Präsentation generell das Mittel der Wahl?

An dieser Stelle muss man etwas differenzieren: Das Medium Videospiel ist heute längst mehr als einfache Renn-, Baller, Hüpf- und -Prügelspiele. Videospiele bieten inzwischen eine unüberschaubare Palette an Genres, Subgenres und Mischungen all dieser, oft sind sie schon eine eigene Kunstform geworden, vor allem eine, die durch Interaktion, visuelle und akustische Gestaltung Geschichten viel intensiver erzählen kann als es ein Buch oder Film alleine je könnte.

Ein solches Spiel stammt vom Entwicklerstudios Numinous Games, das von den Eltern Ryan und Amy Green gegründet wurde. Deren erstes und bisher einziges Spiel, „That Dragon, Cancer„, in dem sie 2016 den Tod Ihres krebskranken 4-jährigen Sohnes künstlerisch verarbeiteten, wurde laut einem Blogpost von Ryan Green zwar innerhalb der ersten beide Monate millionenfach in Let’s Plays angeschaut, aber nur ca. 14.000 Mal verkauft, was nicht mal zur Deckung der Entwicklungskosten genügte. Die eigentliche Kritik Greens war dabei nicht mal, dass Let’s Player das Spiel zeigten, sondern dass sie das Spiel dabei oft überhaupt nicht kommentierten und meist keinerlei Links oder Hinweise gaben, wo man das Spiel kaufen könnte. Er sah darin also, nicht zu unrecht wie ich finde, mehr eine öffentliche Vorführung des Spiels ohne Werbung dafür. Nachdem er mit Hilfe von YouTube begann, gegen diese Let’s Plays vorzugehen, setze er sich damit einem heftigen Shitstorm aus, in dem oftmals behauptet wurde, dass das anschauen von Let’s Plays überhaupt keine Auswirkungen auf Verkäufe hätte, dass einfach das Spiel schlecht sei (was die Kritiken und Meinungen im Netz widerlegten), dass das traurige Thema einfach keinen interessieren würde (was die Klickzahlen der Videos widerlegten) und das andere Spiele auch millionenfach auf YouTube angesehen und trotzdem auch millionenfach verkauft wurden (was sich nicht widerlegen lässt).

Worin liegt nun der Unterschied zwischen Spielen wie „That Dragon, Cancer“ und anderen Spielen, wie beispielsweise „Minecraft„, das auch millionenfach verkauft wurde, obwohl es gefühlt unendlich viele Let’s Plays auf YouTube gibt? Ich sehe den relevantesten Unterschied in der Intention des Spiels: Ist man in Sandbox-Spielen wie „Minecraft“ nicht immer an ein festes Ziel und an eine feste Handlung gebunden, kann man 1000 Let’s Plays davon gesehen haben, aber bereits im 1. eigenen Spiel etwas ganz anderes tun, bauen oder ausprobieren. Bei Spielen, die eher individuelle Erfolge zum Ziel haben, also z.B. die beste Rundenzeit auf Strecke X in Rennspiel Y, die meisten Punkte im Plattformer Z, etc. befriedigt ein Let’s Play kaum den spielerischen Ehrgeiz, das selbst zu schaffen und sich immer wieder zu verbessern. Ist aber alles, was mir ein Spiel vermitteln möchte, eine ganz bestimmte und linear erzählte Geschichte, gibt es nach einem vollständig gesehenen Let’s Play nicht mehr viel zu sehen oder zu erleben. Bestenfalls bietet das Spiel ein alternatives Ende, das nicht bereits im Let’s Play gezeigt wurde, aber das ist eher unwahrscheinlich.

Womit wir wieder bei „That Dragon, Cancer“ wären. Natürlich gab es vom spielerischen Standpunkt durchaus auch berechtigte Kritik am Spiel, aber dass Ryan Green mit seiner Kritik möglicherweise nicht ganz unrecht hat(te), dämmerte mir spätestens nach Gronkhs LP zum Horror-Adventure „The Park“: Ich hatte das Spiel bereits seit längerem auf der Wunschliste in Steam und wollte eigentlich „nur mal kurz rein schauen“. Aber ruck-zuck waren alle Teile des LPs gesehen, die Geschichte erzählt, das Rätsel gelöst, die Neugier befriedigt. Und damit war auch jede Motivation, das Spiel zu kaufen, verschwunden.

Nun gibt es sicher einige die sagen würden, ich solle doch froh sein weil ich schließlich Geld gespart hätte. Aber ich habe mich damals richtig geärgert! Denn jetzt kommen wir an den Punkt, an dem nicht nur dem Entwickler/Publisher sondern auch dem Spieler etwas entgeht: Dem einen entgehen (möglicherweise) seine gerechten Einnahmen für sein Werk, dem anderen das intensivere persönliche Erlebnis. Und ich denke, wir sind uns alle einig dass man Spiele immer viel intensiver erlebt, wenn man sie selbst spielt. Ich habe z.B. kein Problem damit, mir ein Let’s Play von „Project Zero“ anzuschauen, während mir beim selbst Spielen derart die Muffe geht dass ich es bis heute nicht durchgespielt habe. Und ich bin mir sicher dass es mir bei „The Park“ ähnlich gegangen wäre, ich hätte mich zumindest mehr gegruselt als ich es bei Gronkh’s Let’s Play getan habe.

Aus diesem Grund habe ich für mich daher die Konsequenz gezogen, bewusst keine Let’s Plays mehr von Spielen anzuschauen, die ich evtl. in Zukunft selbst kaufen und spielen möchte. Aktuell meide ich deshalb z.B. auch wie der Teufel das Weihwasser jeden Screenshot und erst recht jedes Video zu „Resident Evil 7„. Was übrigens gar nicht so leicht ist.

Ich kann mir aber durchaus auch das Gegenbeispiel vorstellen, also dass jemand der konsequent genug ist, wirklich nur in ein Let’s Play reinzuschnuppern und dieses sozusagen als erweiterten Trainer benutzt, auch mal ein storylastigeres Spiel kauft, dass er vorher vielleicht links liegen gelassen hätte. Ich selbst hatte diesen Fall aber bisher nicht.

Wie denkt ihr darüber: Können Let’s Plays tatsächlich Auswirkungen auf die Verkaufszahlen eines Spiels haben? Welche Let’s Plays schaut Ihr Euch an? Schaut ihr bri interessanten Spielen auch mal das ganze LP, oder holt ihr Euch nur „Appetit“ und brecht dann ab? Habt ihr auch schon Spiele nicht gekauft, weil ihr sie in einem Let’s Play bereits vollständig „erlebt“ habt? Oder seht Ihr in Let’s Plays sogar eine verkaufsfördernde Wirkung?

3 Kommentare

  1. Ich gucke eigentlich keine Let’s Plays und auf gar keinen Fall komplett. Manchmal schaue ich mir wirklich ein Spiel an, bevor ich es kaufe. „Firewatch“ war so ein Spiel. Ab und zu ist es nett, ein wenig ins Spiel reinschauen zu können, aber die Gefahr ist immer, dass man zu viel von der Story sieht und dann keine Lust mehr hat, das Spiel selbst zu spielen. Ab und an kommt es auch vor, dass ich irgendwo nicht weiterkomme und dann nach Lösungen suche, Let’s Plays erscheinen da meist ganz oben, auch wenn es schwierig ist, in einem Let’s Play aus 100 Episoden die eine Stelle zu finden, an der man nicht weiterkam.

    Viele Let’s Player haben eine richtige Fanbase, Leute, die jedes Video von denen gucken. Denke nicht, dass man noch ein Spiel kaufen wird, das man schon komplett gesehen hat, hier sehe ich schon eine Auswirkung auf Verkaufszahlen. Andererseits werden Let’s Player auch aktiv von Publishern zu Werbezwecken genutzt, bei vielen Publishern gibt es mittlerweile Klauseln, die Let’s Playern die Videos nicht nur erlauben, sondern sie sogar dazu ermutigen. Ein großes Spiel verliert vielleicht ein paar Verkaufszahlen, viele kleine Spiele können aber sicher von der Reichweite eines Gronkhs etc. profitieren.

  2. Let´s Plays haben – vom richtigen Youtuber angespielt – auf jedem Fall eine verkaufsfördernde Wirkung, das sehe ich regelmäßig bei meinem Sohn. Auch wenn er schon ein paar mal für ein Spiel, welches er unbedingt haben musste, Geld verblasen hatte (da er es vielleicht ein mal spielte), lässt er sich immernoch stark von Youtube beeinflussen.

    Bei Spielen, welche einen eher geringen Wiederspielwert haben, wie zum Beispiel die „Walking Simulatoren“ Everybodys gone to the Rapture, Gone Home oder Firewatch gebe ich dir Recht: Da die Spiele vom Überraschungseffekt leben, kann ein ausführliches Let´s Play die Spielerfahrung zerstören und eher Verkaufshindernd wirken.

    Ich selbst sehe mir eher unregelmäßig Let´s Plays an. Wenn doch, dann sind es allerdings Spiele, welche schon lange nicht mehr verkauft werden und die Spoilergefahr sehr gering ist ;).

    1. Ich sehe mir eigentlich fast nur Videos von alten Spielen an, aus im Beitrag genannten Gründen. Aber ich muss gestehen: Hin und wieder amüsiere ich mich dann doch auch mal über neuere Dinger wie ADAC Simulator oder irgend etwas in der Art, was ich garantiert nicht kaufen würde und die einfach schlecht sind. Trash-YT quasi. 🙂

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