YesterPlay: SiN Episodes – Emergence (PC, Ritual Entertainment, 2006)

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Das Cover von „SiN Episodes: Emergence“ für PC (deutsche Version)

Nachdem ich neulich wieder einmal „Half-Life 2: Lost Coast“ gespielt hatte, musste ich wieder an dieses, leider etwas in Vergessenheit geratene Spiel denken. Kurze Zeit später war der Steam-Download auch schon beendet und „SiN Episodes: Emergence“ wieder einmal installiert.

2 Jahre nach „Half-Life 2“ war dieses Spiel aus dem Hause Ritual Entertainment (bekannt u.a. durch „Scourge Of Armagon“ für Quake, „SiN“, „Heavy Metal F.A.K.K. 2“, „Counter Strike: Source“, etc.) das zweite Spiel eines anderen Entwicklers, in dem Valves Source-Engine zum Einsatz kam. Leider noch in einer früheren Version als „Lost Coast„, es bot  also noch kein HDR Rendering. Nichts desto trotz gelang es Ritual, ein ähnlich atmosphärisches Ambiente zu erschaffen wie in „Half-Life 2“.

Pier 57 im Sonnenuntergang

Was dem Spiel leider sehr schnell den Ruf eines HL2-Klons einbrachte. Und man muss zugeben: Die ganze grafische Gestaltung, der prägnante, etwas unterkühlte Look der Source-Engine und Gameplayelemente wie z.B. die hölzernen Munitionskisten oder die Interaktionen mit anderen NPCs, helfen nicht gerade dabei, diese Behauptungen zu entkräften. Dass die Action zu Beginn ausgerechnet an einem Hafen an der Küste stattfindet, ein Setting das auch bereits in „Half-Life 2“ Verwendung fand, noch weniger. Und dass unser vormals recht gesprächiger Held seine Stimme nun auch so gut wie verloren, dafür aber jetzt auch einen weiblichen Sidekick dazu gewonnen hat, erst recht nicht. Was dem Freeman die Vance, ist dem Blade seine Cannon . 😉

It’sa me, Blade!

„SiN Episodes“ als reinen Klon abzustempeln würde ihm aber nicht gerecht werden: Es ist ein deutlich geradlinigeres und viel mehr auf Action ausgelegtes Spiel, Puzzles sind kaum vorhanden, man vermisst sie aber auch nicht. John Blade ist eben kein Wissenschaftler, er hat die Lösung seiner Probleme direkt zur bzw. in der Hand. Und so kommt auch bald das aus dem Vorgänger vertraute Run-and-Gun-Gefühl auf, während man sich durch geheime und illegale Labore, über Baustellen bis zum Showdown hinauf auf das Dach eines Hochhauses ballert. Im weiteren Spielverlauf kann „SiN Episodes“ dank diverser eigener und vieler interaktiver Spielelemente auch eine berechtigte Eigenständigkeit entwickeln, je weiter man es spielt, umso mehr unterscheidet es sich von seinem vermeintlichen Vorbild. Darüber hinaus machen eine verspielte Liebe zum Detail (Achtet mal drauf was man Jessicas Wagen alles anstellen kann!) sowie zahlreiche Gags und Eastereggs (Der Dopefish lebt!) immer wieder deutlich: Hier wird nicht ganz so viel Wert auf eine seriöse, tiefgreifende Geschichte erzählt, hier geht es um Spaß!

Die braucht kein Kissen um einen zu ersticken…

Zum Beispiel ist das Erste, was wir im Spiel zu sehen bekommen, die bereits aus dem Vorgänger bekannte Elexis Sinclair. Bzw. ihre ausgeprägten sekundären Geschlechtsmerkmale, die über unserem Kopf baumeln als wir aufwachen. Eindeutig: Die Ernsthaftigkeit eines „Half-Life 2“ darf man hier nicht erwarten.

Hier gab es Action reichlich!

Die Geschichte knüpft direkt dort an, wo der Erstling „SiN“ und dessen Add-On „Wages Of SiN“ aufhörten: Nachdem John Blade im Originalspiel zwar erfolgreich verhindern konnte, dass Elexis mit Hilfe der mutagenen Droge U4 alle Bewohner von Freeport City in Mutanten verwandelt, sie selbst aber nicht dingfest machen konnte, musste er im Add-On den Gangster Gianni Manero erledigen, der ihrer statt nun für Mutantennachschub sorgte. Doch nun findet er (aka der Spieler) sich plötzlich auf eine Liege geschnallt in den Händen der zuvor untergetauchten Schurkin und ihres neuen Handlangers, Viktor Radek, wieder. Irgendwie hat uns die Femme Fatale in die Finger bekommen und uns irgendetwas nicht letales injiziert, verrät uns aber nicht genau, was. Glücklicherweise können uns unsere Freund bei HardCORPS, JC Armack (Ja, das ist eine Huldigung) und Jessica Cannon, gerade noch rechtzeitig befreien, bevor Radek uns die entscheidende Dosis setzen kann. Und so beginnt die Jagd auf Elexis Sinclair erneut, beginnend mit Viktor Radek in dieser Episode.

Sehr dynamisch einstellbarer Schwierigkeitsgrad

Damit dabei der Spielspaß auch auf keinen Fall zu kurz kommt, bedient sich „SiN Episodes“ eines dynamischen und adaptiven Schwierigkeitsgrades: Man wählt vor Beginn einen Basis-Schwierigkeitsgrad (Personal Challenge), den das Spiel dann nach Ermittlung diverser Parameter versucht aufrecht zu erhalten. So beginnen beispielsweise die Gegner irgendwann Helme zu tragen, wenn ihr zu viele Kopfschüsse verteilt. Zusätzlich kann man entscheiden, wie schnell das Spiel einem unter die Arme greift, wenn es doch mal brenzlig wird (Unterstützung). Nimmt man also viel Schaden, lassen die Gegner öfter Medikits fallen, ist die Munition ständig alle, findet man mehr davon. So soll gewährleistet sein dass das Spiel nie zu leicht aber auch nie frustrierend wird. Und das funktioniert auch ganz gut!

Freeport von oben

Was leider nicht so gut funktionierte war Ritual Entertainments Entscheidung, den Nachfolger des erfolgreichen „SiN“ in Episodenform auf den Markt zu bringen. Vielleicht ist ein actiongeladener First Person Shooter nicht das ideale Genre für eine portionsweise Veröffentlichung, vielleicht waren sie mit dieser Idee einfach ihrer Zeit voraus.  Bereits damals sollten die Entscheidungen, die man in einer Episode traf, Auswirkungen auf die folgenden Episoden haben, ein Feature dass heute bei vielen episodischen Spielen, z.B. den Adventures aus dem Hause Telltale, sehr geschätzt wird. So oder so: Was heute kein Thema mehr ist, war vor über 10 Jahren noch ein echtes Novum und offenbar nicht gerade beliebt.

Pier 57 von oben

Jedenfalls verkaufte sich das Spiel trotz eher positiver Resonanzen und seiner Qualitäten gerade so gut dass es die Entwicklungskosten wieder einspielte, einen Überschuss, der die Produktion der nächsten Episode ermöglicht hätte, konnte es leider nicht erwirtschaften. Deshalb und da es offenbar bereits seit längerem innerhalb des Studios kriselte, wurde Ritual Entertainment 2007 an den Casual-Spiel-Hersteller MumboJumbo verkauft, der das Studio sofort entsprechend umkrempelte und damit den weiteren 8 geplanten Episoden (vorerst) endgültig einen Riegel vorschob. Ironischerweise war der Gründer von MumboJumbo übrigens früher CEO von Ritual…

Wir werden also vermutlich niemals erfahren, was Elexis Blade injiziert hat, ob es Blade diesmal gelungen wäre sie einzubuchten oder was aus Jessica (sprichwörtlich) geworden wäre. Und so teilt sich das Spiel ungewollt eine weitere Eigenschaft mit „Half-Life 2“: Es endet mit einem sehr unbefriedigenden Cliffhanger. Was bleibt ist ein meiner Meinung nach sehr guter First Person Shooter der unglaublich viel Potenzial zu einem echten (Serien-)Hit gehabt hätte!

„SiN Episodes“ scheint über Steam nicht mehr in Deutschland verkäuflich zu sein, ich weiß nicht ob es funktionieren würde, wenn man noch eine neue Retail-Box mit noch nicht aktiviertem Key ergattern könnt. Offenbar bekommt man es aber im Ausland gratis dazu, wenn man „SiN“ bei Steam kauft, was hierzulande offenbar auch nicht möglich ist. Es wurde auch nie für irgendeine Konsole portiert, ist also bis heute PC-exklusiv.

3 Kommentare

  1. Ich musste gar keinen Uncut-Patch nutzen, es genügt scheinbar das Spiel auf englisch installieren zu lassen. Die Sprachausgabe war eh immer englisch, wenn ich mich recht erinnere und das bisschen Text macht auch keinen echten Unterschied.

  2. Sehr geil, dass du hier einen meiner liebsten „Hidden Gems“ noch einmal besprichst. Ich hab‘ das Spiel in meiner Steam-Bibliothek und den Uncut-Patch wohlbehütet auf meiner externen Festplatte. 😉

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